Nellie Goodbye
von Lutz Hübner Regie: Franziska Steiof
Auszeichnungen
IKARUS 2005
Preisverleihung am 25. November 2005
Auszeichnung für die herausragende
Berliner Theaterinszenierung
für Kinder- und Jugendliche
Nellie Goodbye, GRIPS Theater

Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt:
Der IKARUS geht in diesem Jahr an die Inszenierung „Nellie Goodbye“ vom GRIPS Theater. Dies ist nach einer lebendigen Diskussion der einstimmige Beschluss der dafür zuständigen Jury. Selten hat es allerdings in der Geschichte dieser Auszeichnung unter allen nominierten Inszenierungen eine so knappe und spannende Abstimmung gegeben. Es spricht für die nach wie vor vielfältige kreative Theaterlandschaft für Kinder und Jugendliche in Berlin und es stellt die Jury immer wieder vor neue Herausforderungen.
Der Ikarus 2005 geht an das GRIPS Theater: Nun könnte man sagen: Was ist daran schon Besonderes, wenn ein Theaterstück des GRIPS Theaters wieder einmal einen Preis verliehen bekommt?
Die Antwort darauf ist: Es ist ein ganz besonderes Theaterstück, das heute von der Jury des JugendKulturService als die Inszenierung 2005 ausgezeichnet wird. Eine Inszenierung nämlich, mit der das GRIPS Theater einmal mehr einen Tabubruch wagt, nämlich den, in den thematischen Mittelpunkt eines Stückes den Tod zu stellen.
Es ist weniger ein Tabu für Jugendliche, für die dieses existentielle Thema wichtig und geeignet ist; es ist größtenteils ein Tabu für die „Vermittler“, für diejenigen also, die die Jugendlichen zu Theaterbesuchen anregen sollen: Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen. Diese Erfahrung machte das GRIPS Theater, als mit dem Theaterstück „Medeas Kinder“ vor vielen Jahren erstmals das Thema Tod im Mittelpunkt eines Stückes stand und die Besucherzahlen nicht denen der anderen GRIPS-Stücke entsprachen.
Erfreulicherweise hat sich seit damals hinsichtlich der Tabuisierung von Themen einiges positiv verändert, allerdings noch nicht in dem Maße, wie es wünschenswert wäre und so fühlt sich die IKARUS-Jury auch in diesem Jahr wieder ihrem Motto verpflichtet: Fördern, was es schwer hat! Und es liegt der Jury besonders in diesem Jahr am Herzen, festzustellen: Der IKARUS ist eine Auszeichnung, die sich nicht allein an konkreten oder abstrakten theatralischen Qualitäten zu orientieren hat, sondern deren Ziel es ist, mit Nominierung und Auszeichnung Hinweise auf Inszenierungen zu geben, die ihrem Zielpublikum besondern gerecht werden und denen die Jury deshalb eine besonders große Zahl an großen und kleinen BesucherInnen wünscht!
„Nellie Goodbye“ empfinden wir als einen Glücksfall - trotz des tragischen Themas. Das Publikum sieht sich im wortnahen Sinne mitgenommen in die Welt einer Musikgruppe von Gleichaltrigen, in der sich Träume von Reichtum und Ruhm, aber auch Kreativität und Aktion ebenso bündeln wie emotionale und gruppenspezifische Konflikte - und in der unvorbereitet und unvorhersehbar Krankheit und Tod eintreten, alles Bisherige überschatten und alle Betroffenen vor völlig neue Fragen stellt.
Im Publikum wird diese Betroffenheit in allen denkbaren Schattierungen regelrecht greifbar; altersspezifisch äußert sie sich in Trauer, Tränen, Angst, verlegenem Gelächter. Gefühle pur. Es ist ein besonderes Verdienst der Inszenierung, dass das Publikum damit nicht allein gelassen wird. Es ist auch - um mit der Regisseurin Franziska Steiof zu sprechen - ein besonderer Verdienst der Musik, dass dem Tod immer etwas Lebendiges entgegensteht, etwas was alle verbindet und was sie leidenschaftlich lieben.
Das alles zusammengesehen, das Thema des Theaterstücks, der Text, die Regie, die schauspielerischen Leistungen, und natürlich die Musik und deren Vortrag macht für uns, die Jury diese Inszenierung für den Ikarus 2005 preiswürdig.
Wir gratulieren !
Laudatio von Rüdiger Schaper:
(Ressortleitung Kultur, Tagesspiegel Berlin)
Was ist ein GRIPS-Stück? Was macht ein GRIPS-Stück anders als andere Theaterstücke? Die Antwort ist im Grunde sehr einfach: Denn der Grips ist das Eine, und der Bauch ist das Andere. Im GRIPS Theater sieht man, dass es nicht schadet, wenn man seinen Verstand gebraucht. Aber Verstand hilft wenig ohne Gefühle - ohne das Emotionale. Bei einem Thema wie Krankheit, Krebs, Tod, unter sehr jungen Menschen, die gerade begonnen haben, an ihrer Karriere zu basteln, die voller Träume sind, hier unten, im Keller.
Mathias Fischer-Dieskau, der Bühnenbildner, braucht nicht viel, um einen Ort zu bauen, eine Art Zuhause in der Großstadt, die man fühlt, wenn die Tür aufgeht und jemand zur Probe kommt, mal wieder zu spät.
Lutz Hübners „Nelly Goodbye“ ist ein wunderbares GRIPS-Stück, auch wenn es nicht für dieses Haus geschrieben war, ursprünglich.
Ich erinnere mich gut an die Premiere vor einem Jahr, und mein stärkster Eindruck war - diese Band, dieses Ensemble, ich meine, man sieht selten, dass ein Ensemble so zusammenhält, so dicht und intensiv zusammenspielt, und wahrscheinlich liegt das auch daran, dass die Schauspieler - Christian Giese, Laura Leyh, Jens Mondalski, Constanze Priester, Stephanie Schreiter - sich auf wunderbare Art und Weise verdoppeln. Schauspieler und Musiker.
Zu einem GRIPS-Stück gehört Musik, Rockmusik. Wir alle kennen und lieben die No Ticket Band, mit der wir so lange schon unterwegs sind. George Kranz, der GRIPS-Drummer und Komponist, hat für „Nelly Goodbye“ die Musik geschrieben. Aber diesmal stehen die Schauspieler selbst an den Instrumenten, singen die Songs, die sie während der Proben zum Teil auch selbst geschrieben haben - und man weiß wirklich nicht: Sind das Musiker, die Theater spielen, oder Theaterleute, die mit Musikinstrumenten umgehen können? Ist auch egal. Sie sind eine phantastische Einheit, und von wegen „Halbe Hertzen“!
Hier gibt’s keine halben Sachen. „Hungry Hearts“ fällt mir ein, hungrige Herzen, von Bruce Springsteen. Das ist ein bisschen lang her. Aber vielleicht ist es auch wichtig zu sehen, dass man als Band im Proberaum eine Menge reißen kann, ganz altmodisch.
Bei „Deutschland sucht den Superstar“ werden retortengezeugte Solisten verarscht und verheizt.
Glückwunsch an Franziska Steiof, die „Nelly Goodbye“ isnzeniert hat, und das kann wohl nur heißen: sie hat mit den Schauspielern viel improvisiert und diesen Prozess des Suchens und Findens und Verwerfens so organisiert, dass die Geschichte einen packt. Eine Backstage Tragedy, und viel Comedy auch. Nach meiner Erfahrung sind Backstage-Stücke das Schwierigste im Theater überhaupt. Weil das Publikum oft nur die Show haben will, aber nicht die Schmerzen, den Streit, die Katastrophen dahinter. Ich mag sehr, wie Lutz Hübner das geschrieben, wie das GRIPS-Ensemble und die Regisseurin das geschafft haben: Wir schauen zu, wie - vielleicht - ein Hit entsteht, und wie eine junge Frau vom Tod eingeholt wird.
Es ist diese emotionale Balance, die diese Aufführung auszeichnet. Sie ist herzzerreißend, wenn sie komisch ist. Sie geht an die Nieren. Sie ist nicht kitschig, obwohl ich gegen Kitsch nichts habe.
Ich muss von zwei Dingen sprechen. Von Moral. Und Pathos. Ohne Pathos gibt es in der antiken Tragödie keine Katharsis. Es ist auch hier so. Mit welcher Figur leide ich nicht? Man liebt sie alle, man könnte sich alle in manchen Momenten an die Wand werfen und heulen: Begreift ihr denn nicht, was hier passiert? Was das heißt, ein Mensch ist unheilbar krank? Jetzt bin ich schon bei der Moral, mitten drin. Und es reicht auch. Denn die Bandmitglieder begreifen sehr wohl. Auch Nellie begreift, das sie loslassen muss.
Moral, aber keine Belehrung. Nichts Didaktisches.
„Nellie Goodbye“ - und Johnny. Johnny B. Goode. Er ist der Leadsänger, Nellies Freund, und er ist nicht gut zu ihr. Wer weiß. Er betrügt sie. Aber vielleicht ist es eher das Leben, dass die beiden, Nellie und Johnny, betrügt. Um ihre Zukunft, und auch um das Jetzt. Verrat!? Oder ist es Cora, Nellies, Freundin, die den Liebesverrat begeht? Das sind Geschichten, die man im GRIPS Theater nicht immer sieht. Übrigens gibt es Leute, die meinen, Volker Ludwig und das GRIPS hätten sich in den letzten dreißig Jahren nicht verändert. Ich kann da nur Hallo! sagen, „Nellie Goodbye“. Oder auch „Der Ball ist rund“. Oder „Vorsicht Grenze“.
Bei der Premiere am 8. November 2004 war ich hier mit meinem Sohn, damals 14. Er war nur meinetwegen mitgekommen. Er hatte eigentlich keine Lust auf ein „Jugendtheaterstück“, und als Kind war er öfter im GRIPS gewesen. Auf der Heimfahrt war es dann verdammt still. „Nellie Goodbye“ hatte ihn ziemlich erwischt. Und für heute hat er mir gesagt: Halt bloß keine langweilige Theaterrede, auf so ein tolles Stück.
Herzlichen Glückwunsch, und vielen Dank!
Mehr Informationen zum IKARUS-Preis unter: www.jugendkulturservice.de (externer Link)




