Volker Ludwig 



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Reden 

Laudatio für Mohan Agashe 

 
 

Rede aus Anlass der Verleihung der Goethe-Medaille an Mohan Agashe, gehalten am 22. März 2004 im Festsaal des Residenzschlosses Weimar.

Hochverehrte Frau Präsidentin, hochverehrte Herren Preisträger, sehr geehrte und liebe Gäste und Goethemenschen, lieber Mohan,

vor größerem Publikum zu reden ist mir ein Graus, wie Mohan weiß, der mich mehrmals dazu genötigt hat. Doch der heutige Anlass hat mich keine Sekunde zögern lassen. Es ist mir sogar ein Vergnügen, Ihnen etwas von diesem Dr. Agashe zu erzählen, der sein Leben lang gleichzeitig auf mindestens drei Hochzeiten tanzt, als renommierter Arzt, als berühmter Schauspieler, als Direktor bedeutender Institute wie der Filmhochschule Indiens und endlich als Initiator, Vorkämpfer und genialer Organisator eines neuen indischen Kinder- und Jugend- Theaters, wofür er heute die Goethe-Medaille erhält.

Mit dieser Auszeichnung lobt und preist das Goethe Institut in erheblichem Maße auch sich selbst. Denn einen spektakuläreren Erfolg seiner Kulturarbeit als eine blühende Theaterlandschaft nach einem deutschen Vorbild für einen ganzen Subkontinent lässt sich kaum denken. Und dieses Ruhmesblatt verdankt es wiederum Mohan Agashe, der bei den Max Mueller Bhavans, wie die Goethe Institute in Indien heißen, jederzeit Unterstützung fand, vom Institut in Bombay, heute Mumbai, allerdings eher selten.

Diese Erfolgsgeschichte begann 1975, als der Theaterreferent Klaus Vetter auf die Idee kam, das Berliner GRIPS Theater als originelles deutsches Kulturgut in die Welt zu schicken: ein von der Studentenbewegung geprägtes realistisches Kindertheater, das die Alltagsprobleme und Sehnsüchte seines Publikums zum Gegenstand seiner Stücke machte. Das war etwas Neues. Es erwies sich schon bei meiner ersten Seminarreise durch Brasilien, damals noch unter Militärdiktatur, als Zündstoff. Das subversive Potential dieser frechen Komödien elektrisierte viele Theaterleute und führte zu einer Welle von Nachinszenierungen.

Als ich 1983 unser Theater, nach frustrierenden Erfahrungen mit elitären Lehrerinnen in Neu Delhi, in stotterndem Englisch und mit schwachem Filmmaterial in Pune vorstellen durfte, war es Mohan Agashe, der mich unter seine Fittiche nahm und mich von meinen vielen Zweifeln erlöste. Er war Leiter der psychiatrischen Abteilung des staatlichen Sassoon Hospitals, daneben Präsident der berühmten Theatre Academy Pune, spielte schon seit 1972, als er 25 war, die ihm auf den Leib geschriebene Hauptrolle des korrupten Schlitzohrs Nana in Tengulkars Volkskomödie „Gashiram Kotwal“, das bis 1989, wo ich ihn im Ostberliner Gorki Theater sah, auf drei Welttourneen Furore machte, und er hatte bereits in 20 Filmen gespielt, darunter Attenboroughs „Gandhi“.

Mohan war fasziniert von der Idee eines Theaters mit einer sozialen Funktion, das mit Lachen Mut machte, ohne die Realität zu verkleistern. „Es klang aufregend, und es machte Sinn“, sagte er später. Und kurz entschlossen unterbrach er all seine Tätigkeiten, übergab seinen Krankenhaus-Job einem seiner vielen Freunde und kam ohne deutsche Sprachkenntnisse für insgesamt fünf Monate nach Berlin, um das GRIPS Theater zu studieren. Mohan, gefeierter Guru, Filmstar von der Statur und dem Bekanntheitsgrad mindestens eines Mario Adorf, erlitt tapfer die Kälte sogenannter deutscher Gastfreundschaft, die jeden Deutschen schamrot werden lässt, der einmal in Asien zu Gast war. Später schrieb er mal: „Es ist leichter, in Indien einen Deutschen zum Freund zu gewinnen als in Deutschland“.

1986 inszenierte GRIPS-Regisseur Wolfgang Kolneder mein Stück „Max und Milli“ in Pune auf Marathi; er sollte es später noch in acht anderen Sprachen in aller Welt einstudieren. Die Geschichte von der Freundschaft zwischen zwei gut situierten Geschwistern und einem Unterschichtskind wurde in Indien zur Begegnung zwischen zwei Brahmanenkindern und einem Jungen unterster Kastenzugehörigkeit. Dass die zusammen spielen, gibt es in ganz Indien nicht, wurde mir versichert. Auf der Bühne wurde diese Freundschaft als selbstverständlich wahrgenommen und entsprechend gefeiert. Das Theaterwunder funktionierte. Schon dass erwachsene Schauspieler Kinder spielten, war etwas völlig Neues, und dass Themen aus dem Alltag von Kindern behandelt wurden, war noch nie dagewesen. Die Premiere war ein Triumph, Mohan hatte recht behalten. Das Stück, dem noch viele folgen sollten, wird noch heute gespielt.

Die zweite Inszenierung, das Stück „Mannomann“, in der eine Familie ihren Pascha von Vater zum Partner erzieht, wurde schon von Shrirang Godbole bearbeitet und inszeniert, der bei Wolfgang Kolneder assistiert hatte und sich zum bedeutendsten Autor und Regisseur des indischen GRIPS Movement entwickeln sollte.

Darauf startete Mohan Agashe ein Drei-Jahres-Projekt, beginnend mit einem Autorenseminar, in dem ich erschreckten hochfliegenden Künstlern das Stückeschreiben als überaus mühevolles Handwerk darstellte. Im zweiten Jahr war daraus ein original indisches GRIPS-Stück entstanden, das wiederum Wolfgang Kolneder inszenierte und mit einem Schauspieler- Workshop verband. Die oft professionellen Theaterleute haben durchweg, wie Mohan Agashe, bürgerliche Berufe, proben in der Regel spät abends und lehnen es ab, für das Spielen von GRIPS-Stücken Geld zu nehmen. Im dritten Jahr brachte Ranga Godbole sein erstes eigenes Jugendstück heraus, und GRIPS sprang auf andere indische Staaten über, mit Inszenierungen in Neu Delhi, Kalkutta, Bangalore, Mumbai und anderen Städten in Maharaschthra.

1994, als der Psychiater Agashe intensivst mit Rehabilitationsmethoden für traumatisierte Erdbeben-Opfer beschäftigt war, was ihn sehr mitnahm, organisierte er in Bangalore ein zweiwöchiges Seminar mit GRIPS-erfahrenen indischen Teams sowie Autor/Regisseur-Tandems aus Karachi, Bangladesh, Sri Lanka und Nepal, was zu nicht weniger als zwölf neuen Projekten führte. Und 1996 feierte das Prithvi-Theater in Mumbai mithilfe des Goethe Instituts Pune das zehnjährige GRIPS- Jubiläum Indiens mit dem Festival „Coming to GRIPS with India“, wo ich neun GRIPS-Produktionen in fünf Sprachen sah, darunter die Uraufführung eines Ranga-Stücks über die Unruhen zwischen Hindus und Muslims in Mumbai.

Seit zehn Jahren führt Mohan Agashe das Asian Resource Center mit dem wundervollen Namen D.A.T.E: Developing Awareness Through Entertainment (Bewusstsein entwickeln durch Unterhaltung), wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt als Held oder schrecklicher Bösewicht vor der Kamera steht. D.A.T.E. ist Entwicklungshelfer und Berater, Übersetzer, Ermöglicher, Vermittler und Entdecker in Sachen GRIPS Movement und GRIPS Methodology, D.A.T.E. ist Mohan Agashe. GRIPS wird heute in Indien mehr gespielt als in Deutschland. Es ist jedoch, wie Mohan betont, kein deutsches Theater, das in indischer Sprache gespielt wird, sondern eine Idee und ein Weg, sinnvolles Theater zu machen.

Es ist immer wieder ein wunderbares Erlebnis, in der weiten Theaterwelt auf Seelenverwandte zu treffen. Man erkennt sich, ohne sich erklären zu müssen. In unserem Fall ging es um den gemeinsamen Drahtseilakt eines Theaters, das die Wirklichkeit widerspiegelt und dennoch Mut macht und eine Hoffnung vermittelt. Unterschiedliche Kulturen sind kein Hindernis, sondern meist eine beglückende Bereicherung. Mohan ist der Patenonkel meines achtjährigen Sohnes Caspar Mohan. Als Hindu hielt Mohan seine Hand über ihn bei der Taufe in der Französischen Gemeinde am Berliner Gendarmenmarkt. Es gibt schließlich nur einen Gott, sagt Mohan, auch wenn er in Indien tausend Gesichter hat. Den deutschen Pfarrer hat er damit überzeugt, wie er, der große Menschenkenner, Schauspieler und Menschenfreund jeden überzeugt, den er einmal in der Mangel hat.

Lieber Mohan, diese Medaille, benannt nach dem großen Goethe, dem Indien immer unheimlich war, weil er nicht das Glück hatte, es kennenzulernen, diese Medaille hast du schon lange und sehr verdient. Ich wünsche dir Gesundheit und mehr Zeit für deine Freunde. Wir können noch viel zusammen machen. Herzlichen Glückwunsch.

Mohan war fasziniert von der Idee eines Theaters mit einer sozialen Funktion, das mit Lachen Mut machte, ohne die Realität zu verkleistern.
Unterschiedliche Kulturen sind kein Hindernis, sondern meist eine beglückende Bereicherung.

Volker Ludwig