Volker Ludwig
Reden
Laudatio für Kim Min'Gi
Festrede aus Anlass der Verleihung der Goethe Medaille an Kim Min'Gi , gehalten im März 2007.
Hochverehrte Frau Präsidentin, hochverehrter Preisträger, sehr geehrte und liebe Gäste und Goethemenschen, liebe Frau Mi Young, lieber Kim Min'Gi,
dass ein begnadeter Lyriker, legendärer Schöpfer sanfter, tief trauriger Lieder von vollendeter Schönheit, sich eines Tages dem Showbusiness verschreibt, Klein-Unternehmer wird und Rock-Musicals produziert, klingt schon ziemlich deprimierend. Und dass ihm dafür dann auch noch die Goethe-Medaille verliehen wird, wirkt geradezu wie ein Schlag in die Magengrube. Es ist, gelinde gesagt, erklärungsbedürftig. Zumal in einem Kulturland, das stets bemüht war, streng zwischen E und U zu trennen, also den Ernst der Kunst vorm Schmutz der Unterhaltung zu retten.
Es geht um meinen hochverehrten Freund Kim Min'Gi . Ganz im Gegensatz zu dem umtriebigen indischen Theatermann Mohan Agashe, den ich an diesem Ort vor drei Jahren vorstellen durfte, zählt der Koreaner Kim zu den Stillen im Lande: Er ist von irritierender, Europäern kaum fassbarer Bescheidenheit. Aufgewachsen auf dem Land, studiert er an der Staatsuniversität in Seoul Malerei, spielt daneben Gitarre und schreibt schon als 19jähriger Lieder, die 1971 als Platte erscheinen und sogleich beschlagnahmt werden. Kim Min'Gi selbst wird verhaftet, verhört, gefoltert. Die Verbote und Verfolgungen durch die südkoreanischen Militär-Regimes dauern fast zwei Jahrzehnte. Zuletzt triumphieren jedoch Kim und seine Lieder. Im Untergrund vervielfältigt und von zahllosen Sängern und Gruppen verbreitet, sind sie für die Studenten Symbole des Widerstandes. Besonders ein Lied, „Morgentau“, entwickelt sich zur inoffiziellen Nationalhymne der Oppositionsbewegung der 70er und 80er Jahre. Im Jahr des Durchbruchs, auf der gewaltigen Demonstration im Sommer 87 auf dem Rathausplatz von Seoul zu Ehren eines ermordeten Studenten, ist es dieses Lied, das spontan von Hunderttausend gesungen wird, 17 Jahre nach seiner Entstehung.
Kims schwermütige Lieder haben scheinbar keinen politischen Inhalt. Von „avanti populo“ keine Spur. Es sind poetische Stimmungsbilder und Momentaufnahmen, die durch ihren abgrundtiefen Kontrast zur verlogenen herrschenden Regierungsdoktrin die Menschen aufwecken und dazu noch durch ihre Schönheit bestechen, was sie erst recht subversiv erscheinen lässt.
In einem Land, wo die Menschen tiefer Emotionen fähig und zugleich der Musik total verfallen sind, haben solche Lieder eine Wirkung, die wir hier uns überhaupt nicht vorstellen können. Kim besaß immer die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Leute zu versetzen, sogar in die seiner Folterer, sie zu verstehen und mit ihnen zu fühlen. Und so wurde er zum Gewissen und zur Stimme einer ganzen Generation.
Eine Vermarktung seiner Lieder hat Kim Min'Gi immer vermieden, trotz der immensen Verbreitung hat er nie Tantiemen gesehen. Mit der politischen Liberalisierung war diese ganze bedrückende Zeit für ihn ein in jeder Hinsicht abgeschlossenes Kapitel. So ließ er sich 1993 auch nur höchst widerstrebend dazu überreden, seine ganzen Lieder mit seiner schönen Baritonstimme auf 4 CD’s einzuspielen, nachdem man ihn davon überzeugt hatte, dass er sich nur so einen finanziellen Rückhalt für das kleine Experimentiertheater Hak Chon schaffen konnte, dem von nun an seine Leidenschaft galt. (Diese CD’s würde ich Ihnen gerne vorspielen. Auch in Pina Bauschs Produktion „Rough Cut“ ist Kims Stimme zu hören).
Auf der Suche nach einer neuen, ihm gemäßen Musiktheatersprache geschieht nun das gleiche kleine Wunder wie 10 Jahre vorher bei Mohan Agashe: Man geht ins Goethe Institut, sieht ein Video vom GRIPS Theater, ohne auch nur die Sprache zu verstehen, und kriegt es nie mehr aus dem Kopf. Kim beschreibt seine erste Begegnung mit dem U-Bahn-Musical „Linie 1“: „Die Gestalten der armen Menschen aus Berlin ähnelten sehr denen von Seoul, obwohl sie anders aussahen und andere Sitten hatten. Ich entschied mich, dieses Werk zu studieren. Ich war fasziniert von der Vorstellung, wie es aussehen würde, wenn Seouler Bürger auf diese Art dargestellt würden. Nachdem die Figuren des Originals teils in mehreren Gestalten zerlegt und wieder neu kombiniert worden waren, entstanden Figuren, wie sie in Seoul lebten. Dabei stieß ich trotz des großen Unterschieds zwischen beiden Völkern und Städten auf die Existenz einer grundlegenden Menschenliebe unter den kleinen Leuten in einer modernen Großstadt. Diese Entdeckung erfüllte mich mit großer Begeisterung. Ich sah die Chance, den Bürgern in Seoul eine Gelegenheit zu geben, ihr eigenes Bild zu erkennen und darin die allgemeine Menschenliebe wahrzunehmen. Ich war glücklich“. Das GRIPS-Erfolgsmusical „Linie 1“ war von über 150 Theatern in Deutschland und in aller Welt nachinszeniert worden. Doch Kim Min'Gi war der erste, der dem Stück wahrhaftig auf den Grund ging und dessen eigentliche Seele erfasste und benannte. Die Premiere 1994 wurde zu einem Triumph, der bis heute anhält. Ein Jahr später lud Kim mich nach Seoul ein, mit der unsinnigen Befürchtung, ich könnte seine Produktion wegen der Änderungen verbieten, was natürlich absurd war, geben sie der Aufführung doch erst ihren Sinn. Birger Heymanns Musik ließ Kim übrigens Note für Note unverändert, auch die Songtexte entsprachen dem Original zumeist verblüffend. Eine respektvollere, einfühlsamere Adaption als seine wäre überhaupt nicht denkbar. „Seoul Line 1“ ist härter, politischer, aber auch poetischer, trauriger als das Original. Das Publikum lacht und weint, doch das Lachen überwiegt auch hier.
Als wir vor 6 Jahren anlässlich unserer 1000. „Linie 1“ die koreanische Version nach Berlin holten, hatte diese die 1000. längste hinter sich. Kim Min'Gi schrieb uns ins Programmheft: „Nun ist ‚Linie 1’ in die Ursprungsstadt Berlin eingeladen worden, nachdem es wie aus dem Kern einer Pusteblume nach einem weiten Flug über Europa und Asien hinweg am Ende des Kontinents noch einmal zum Blühen kam. Der verlorene Sohn sieht nun mit bangem Herzklopfen der Begegnung mit der eigenen Familie entgegen.“ Fünf Jahre lang hatte Kim an seiner „Linie 1“ weitergearbeitet, ehe er halbwegs zufrieden war. Als Regisseur ist er ein unerbittlicher Perfektionist. Eine ganze Generation koreanischer Film- und Fernsehstars hat bei ihm, dem großen Meister, in der „Linie 1“ angefangen und gelernt. Nur er muss wie eh und je um die finanzielle Existenz seines Theaters kämpfen, denn auch eine ausverkaufte Vorstellung deckt kaum die Kosten, und Subventionen gibt es nicht. Trotzdem hat er mit „Moskitos“ und „Max und Milli“ erfolgreich begonnen, auch noch ein neues Kinder- und Jugendtheater in Korea zu etablieren, und arbeitet weiter daran, auch hier immer wieder mit dem Segen des Goethe Instituts.
Inzwischen Hat Kims „Linie 1“ weit über 3000 Vorstellungen hinter sich. Das ist der größte Erfolg, den je ein koreanisches Stück hatte – und gleichzeitig der größte Erfolg, den je ein deutsches Theaterstück im Ausland hatte. Zur 2000. Vorstellung war GRIPS mit seiner „Linie 1“ nach Seoul eingeladen, und das koreanische Publikum konnte sich an dem Puzzlespiel vergnügen, welche Figur wem in den beiden Fassungen entspricht: Zum Jubiläum brachten wir Kim Min'Gi ein Ständchen mit seinem Lied „Morgentau“ als vierstimmigen Chor in plumpem Deutsch, zur hellen Begeisterung des Publikums; was Kim davon hielt, möchte ich lieber nicht wissen.
Vor zwei Jahren gastierte „Seoul Line 1“ zur Buchmesse in Goethes Geburtsstadt und abermals, dank Adrienne Goehler, dem Hauptstadtkulturfonds und dem Goethe Institut, in Berlin. Vorher feierte die Produktion Triumphe in Hong Kong, Peking, Shanghai, Tokio, Osaka, Fukuoka und Okinawa. Wie so viele „Seoul Line 1“-Groupies habe ich die Aufführung mehr als fünfzehnmal gesehen und war jedes Mal neu fasziniert und zu Tränen gerührt.
Eine gelungenere, wirkungsvollere Symbiose zweier Kulturen ist kaum denkbar.
Vor seinem ersten Gastspiel in Berlin bemerkte Kim Min'Gi, die Personen der koreanischen Version seien wie im Original verletzte Opfer einer Großstadt, und er hoffe, dass auch das Berliner Publikum ihren Seelen Trost spenden möge. Auch in Seoul vergaß er nicht, alle Berliner zu grüßen, die in der „Linie 1“ als Figuren auftreten. Wo das GRIPS Theater versucht, Hoffnung zu spenden, versucht Kim Min'Gi Trost zu spenden. Er ist gewiss der Weisere von uns.
Lieber Kim Min'Gi , es erfüllt mich mit großer Freude und tiefer Befriedigung, dich, den stets viel zu Bescheidenen, als Preisträger der Goethe Medaille in einer Reihe neben Regisseuren wie Giorgio Strehler, Patrice Chéreau und besonders dem weisen George Tabori stehen zu sehen. Herzlichen Glückwunsch!
Lieber Kim Min'Gi , es erfüllt mich mit großer Freude und tiefer Befriedigung, dich, den stets viel zu Bescheidenen, als Preisträger der Goethe Medaille in einer Reihe neben Regisseuren wie Giorgio Strehler, Patrice Chéreau und besonders dem weisen George Tabori stehen zu sehen.
Volker Ludwig




