Volker Ludwig 



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Presse 

 

 
 

Berliner Zeitung 2008

© Berliner Zeitung

Kinder wissen, dass nicht alles gut wird

Volker Ludwig, Gründer des Grips Theaters, über den Anspruch, ein junges Publikum ernst zu nehmen, Erkenntnis durch Lachen und warum die Schauspieler schuld sind, wenn Kinder auf die Bühne laufen

Interview: Irene Bazinger

 

Herr Ludwig, zum Jahresende hin erinnern sich die großen Bühnen an die Kinder und nehmen gern Weihnachtsmärchen ins Programm. Das Grips Theater dagegen zeigt auch jetzt Stücke, die von der heutigen Lebenssituation der Kinder handeln, von Leistungsdruck, brüchigen Familienstrukturen und Schülermobbing. Trotzdem ist ihr Haus in diesen Tagen gut besucht.

Ja, denn von der alten Sitte, dass man in der Weihnachtszeit mit Kindern ins Theater geht, sind auch wir betroffen, obwohl das Grips Theater gerade gegen den Weihnachtsmief gegründet wurde. Etwa ein Drittel der Lehrer will mit den Schülern grundsätzlich nur im Dezember ins Theater. Deshalb sind auch bei uns in diesem Monat alle Vorstellungen ausverkauft. Dafür müssen wir oft im Januar Vorstellungen ausfallen lassen.

Warum soll ein Kind ins Kindertheater gehen, und warum ins Grips Theater?

Für mich gehört es zusammen, dass Kinder nicht nur zuschauen, sondern auch selbst spielen. Unsere Stücke regen die Kinder oft dazu an. Ein guter Lehrer versucht nicht, sie unsere Stücke einfach nachspielen zu lassen – was sie meist möchten, weil sie wie unsere Schauspieler sein wollen – sondern animiert sie, die szenischen Konstellationen auf ihre eigene Situation zu übertragen. Kinder erzählen oft mehr von sich, wenn sie unsere Stücke gesehen haben, berichten von ihren eigenen, wirklichen Schwierigkeiten, von ihrem Zuhause. Diese Möglichkeit, Erfahrungen zusammen mit anderen zu machen und auszuleben, bietet ihnen nur das Theater, und in diesem Maße wahrscheinlich auch nur das Grips Theater.

Viele Kinder sind heutzutage bestens vertraut mit medial vermittelter Wirklichkeit, weil sie viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen. Was kann ihnen das Theater an besonderen Reizen und an Erkenntnissen über ihr eigenes Leben bieten?

Theater ist ein unglaublich starkes sinnliches Medium und Erlebnis. Und es funktioniert wie eh und je, die Kinder sind mit höchster Konzentration dabei. Gerade fernsehgewohnte Kinder sind besonders fasziniert vom Theater, das haben wir immer wieder gemerkt, weil da auf einmal überraschenderweise richtige, lebendige Menschen spielen. Für die kleinen Kinder ist das, was sie auf der Bühne sehen, eine unmittelbare Realität. Deshalb muss man als Theatermacher auch entsprechend vorsichtig mit dem sein, was man ihnen zumutet. Das, was in den Aufführungen passiert, bleibt meist ganz tief in ihnen drin. Es ist sehr wichtig, dass man hinterher darüber redet und sie nicht alleine gelassen werden, gerade mit Stücken wie den unseren, in denen es oft um Probleme geht, die sie selbst haben – und über die sie daheim häufig nicht sprechen können. So können sie sich wenigstens untereinander darüber verständigen. Wir haben immer wieder gehört, dass Lehrer bass erstaunt waren, weil Kinder auf einmal viel offener wurden und plötzlich über bis dahin verschwiegene Dinge sprachen, die ihren Tabu-Charakter verloren hatten, nachdem sie gemeinsam auf der Bühne gesehen wurden.

Viele Schauspieler fürchten sich ein bisschen vor einem Saal voller Kinder, weil die so direkt auf das reagieren, was sie sehen, und vernehmlich äußern, wenn ihnen etwas gefällt oder nicht.

Wir versuchen natürlich, die Kinder so weit in die Aufführungen einzubeziehen, wie es irgend geht. Deshalb gibt es bei uns keine Rampe. Wenn alle die Beine ausstreckten, könnten wir kaum noch spielen, so dicht sitzen sie dran. Die Kinder sehen die anderen Besucher durch die räumliche Anordnung von offenen Tribünen an drei Seiten. Dadurch sind alle voll im Geschehen drin, können auch mitquatschen und mitsingen. Aber wenn kleine Kinder gelegentlich auf die Bühne latschen und die Vorstellung stören, was Erwachsene oft süß finden, wissen wir, dass die Schauspieler etwas unkonzentriert waren und die Spannung nicht groß genug wurde. Die Kinder müssen so mitgerissen werden, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, während der Vorstellung die Bühne zu betreten.

Im Grips Theater gibt es statt Märchen eine aktuelle, menschenfreundliche, politisch linke Form von realistischem Kinder- und Jugendtheater. Sie haben dafür den Begriff „Mutmachtheater“ erfunden. Wie weit kann das in einem sozial zunehmend härteren Alltag Bestand haben?

Nun, wir wissen zum Beispiel, dass sich die Kinder total mit den Figuren auf der Bühne und mit deren Schicksalen identifizieren. Deshalb bieten wir keine kathartischen Schlüsse an – es wird eben in der Realität nicht alles gut, und das wissen die Kinder nur zu genau. Manchmal lügen sie sich trotzdem ein Happy End zurecht, denn es ist ihr eigenes Leben, das sie da auf der Bühne sehen. So muss uns immer wieder der Drahtseilakt gelingen, ein hoffnungsvolles Ende hinzuzaubern, ohne verlogen zu sein. Wir haben unsere Schlüsse „konkrete Utopien“ genannt. Sie sollen die soziale Fantasie der Kinder stärken und ihnen bei der Bewältigung ihres Alltags helfen. In diesem Sinne sind wir ein ganz konventionelles Lebenshilfetheater.

Hat Ihr genaues Gehör für die Art und Weise, wie Kinder reden, und das Geschick, mit dem Sie Dialoge und Szenen bauen, auch mit ihrer Vergangenheit als erfolgreicher Kabarett-Autor zu tun?

Ich denke schon. Schließlich habe ich bereits in der Schulzeit damit angefangen, weil mir mein Vater Eckart Hachfeld, damals ein sehr bekannter Kabarett-Autor, manchmal ein paar seiner Aufträge abgab. Auch in unserem Theater spielt das kabarettistische Handwerk eine große Rolle, denn es lehrt, sich in den einzelnen Szenen knapp zu halten und zu pointieren. Und Themen aufzugreifen, die gerade im Schwange sind.

Übertragen Sie damit auch die Kunst der Komödie und des Kabaretts – Erkenntnis durch Lernen und Lachen – ins Kindertheater?

Ja, genau das versuchen wir, und auch, die im klassischen Kabarett einst übliche Programmabfolge von „heiß“ und „kalt“ zu übernehmen, also dass nach einer sehr witzigen Nummer eine „Blaulichtnummer“ kommt, wie wir das nannten, ein ernstes Chanson zum Beispiel. Es wird richtig viel gelacht, danach ist die Spannung ganz groß und ganz eng und man kann den Kindern etwas erzählen, bei dem sie sonst nicht zuhören würden.

Bei dem Stück „Nellie Goodbye“ von Lutz Hübner, war es schwer, Ihr Theater zu füllen. Es geht um die Sängerin einer Schülerband, die unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt. „Krebs steht nicht auf dem Lehrplan“, sollen Lehrer geantwortet haben, die Sie auf die ausbleibenden Schulklassen ansprachen. Stimmt das?

Leider ja. Die Lehrer haben oft Scheu vor existenziellen Themen. Diese Angst geht noch viel weiter. Wir kamen nämlich auslastungsmäßig auch in die Bredouille, als wir das Thema Scheidung aufgriffen, obwohl das Stücke waren, die gerade Scheidungskinder wirklich befreiten. Wir machen so etwas natürlich zusammen mit Psychologen und unseren Theaterpädagogen und es ist für die Kinder wie eine Erlösung, wenn sie auf der Bühne sehen, dass es anderen auch so geht wie ihnen und wie die damit fertig werden. Trotzdem wollen sich Lehrer oft nicht mit diesen Realitäten beschäftigen, weil sie sagen, wir haben so viele Kinder aus geschiedenen Ehen in der Klasse ... Sie fürchten, auch noch als Sozialarbeiter fungieren zu müssen, wenn sie sich mit den echten Geschichten der Kinder konfrontieren. Den Spruch „Habt ihr nicht etwas Lustiges im Programm“ – obwohl unsere Stücke immer lustig sind – hören wir mittlerweile recht oft. Manche der heutigen Lehrer wollen pure Unterhaltung, ihre Ruhe und harmlose Stücke haben, was die durch das Jahr 1968 geprägten Lehrer, die früher zu uns kamen, überhaupt nicht interessierte, und uns auch nicht.

Zahlreiche Stücke im Grips Theater bringen konkrete Schulprobleme auf die Bühne. Wird das nicht als pädagogisches Angebot von den Lehrern genutzt?

Doch, schon, zum Beispiel „Wehr dich Mathilda!“, wo es um das Thema Mobbing geht, oder „Eins auf die Fresse“ mit seiner Gewaltthematik. Das Stück läuft seit 13 Jahren und wird zu zwei Dritteln von Klassen aus Ostberlin und Brandenburg besucht, weil die Lehrer feststellen: „Das gibt’s bei uns auch, da hilft uns so ein Stück auf jeden Fall.“ Wir führten einmal ein Stück auf, in dem es um Markenklamotten ging, das war sofort hundert Mal ausverkauft. Betrüblich ist dabei, dass es vielen Lehrern nicht auf die Qualität der Texte und Inszenierungen ankommt, die ist ihnen offenbar egal, sondern ausschließlich auf die Themen.

Sind die Lehrer mit den ökonomischen Einschränkungen im öffentlichen wie privaten Bereich und durch nicht gerade einfache Schüler mit und ohne Migrationshintergrund überfordert? Oder stellen Sie einen ideologischen Umschwung fest – nur was sich rechnet, zählt und wird wahrgenommen?

Engagierte Lehrer, die zu uns kommen, bestätigen mir immer wieder, dass sie keinen Kollegen kennen, der mit seiner Klasse nicht ins Theater gehen könnte, wenn er wollte. Allerdings haben inzwischen rund die Hälfte der Schüler respektive deren Eltern ziemliche Geldsorgen. Die Armut nimmt tatsächlich zu. Dagegen tun die Förderkreise unseres Theaters oder mancher Schulen etwas, indem sie den Eintritt von vier Euro übernehmen. Manche Lehrerinnen und Lehrer bezahlen ihn übrigens auch für die Schüler, die ihn nicht selbst aufbringen können. Aber das Geld ist eigentlich nicht der Knackpunkt, sondern manchmal bloß eine Ausrede. Die Gründe, um dem Theater auszuweichen, sind so unterschiedlich ... Als es mit der Pisa-Studie losging, haben viele Lehrer gesagt: „Wir dürfen während der Unterrichtszeit nicht mehr ins Theater, wir müssen mehr pauken. Jetzt wird Mathe gemacht und keine Aufführung besucht.“ Ganz schlimm geht es inzwischen der Sekundarstufe, weil der Stoff des wegfallenden Schuljahres auf die anderen Schuljahre verteilt wird. Da stöhnen die Lehrer nicht zu Unrecht und fragen sich, wann sie noch ins Theater gehen sollen. Mein jüngster Sohn besucht die 8. Klasse und hat 36 Wochenstunden – ohne dass es ein Mittagessen gibt!

Lernen die Schüler inzwischen nicht mehr fürs Leben, sondern wirklich nur noch für die Schule?

Offenbar ja. Es ist traurig. Wir waren bis kurz vor der Wende dermaßen überlaufen, dass wir weder eine Presseabteilung geschweige denn irgendwelche Theaterpädagogen hatten. So etwas brauchten wir nicht, auch keine Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit. Das hat sich sehr geändert, vor allem, nachdem die engagierte Generation der 1968er-Lehrer in den letzten Jahren berentet worden ist. Mit der Mehrzahl der neuen Lehrer ist es wirklich schwer. Wir beschäftigen inzwischen vier Theaterpädagogen, zu deren zentralen Aufgaben es zählt, diese dazu zu animieren, mit ihren Klassen überhaupt noch ins Theater zu gehen. Wir müssen um jede Schule und um jeden Lehrer kämpfen. Für mich ist das ebenso ein Rätsel wie für die Theaterpädagogen – die Lehrer sind nämlich in der Regel begeistert, wenn sie erst einmal hier waren, und die Kinder wollen gar nicht mehr raus, brüllen und trampeln und schreien „Zugabe“. Man muss eben nicht ins Theater gehen, diese Ausflüge sind freiwillig, durchaus anstrengend und stehen in keinem Lehrplan. Deswegen haben wir die merkwürdige Situation, dass die Hälfte der Schüler ein Dutzend Mal im Theater war – und genauso viele Kinder kommen nie im Leben dorthin, weil sie eben Pech mit ihrem am Theater uninteressierten Lehrer haben. Aber neunzig Prozent aller Kinder können nur durch die Schule Theater kennenlernen. Vom Elternhaus her wird ihnen das nicht ermöglicht.

Doch es gibt eine neue, äußerst aufmerksame Elterngeneration, die außerordentlich um das Wohl ihrer Kinder bemüht ist, um die beste Schule, Kleidung, Nahrung, um die Entwicklung emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz. Kommen diese Eltern nicht in Scharen ins Grips Theater?

Nein, da hat sich auch etwas verändert. In den 1970er-Jahren haben wir jeden Sonnabend und jeden Sonntag am Nachmittag vor vollem Saal gespielt. Heute spielen wir höchstens zwei, drei Mal pro Monat nachmittags am Wochenende. Es kommt dann ein liberales, gepflegtes bürgerliches Publikum, auch vom Kollwitzplatz. Aber es sind nicht mehr die Heerscharen von Besuchern wie früher. Dieser Rückgang zeichnet sich schon seit zwanzig Jahren ab. Er liegt auch daran, dass die Eltern mit ihren schulpflichtigen Kindern viel weniger unternehmen. Für kleine Kinder suchen sie noch nach einer Beschäftigung. Mit denen kann man nicht immer nur in den Zoo gehen. Wenn die Kinder jedoch in die Schule kommen, hört das enge Familienleben auf. Auch wenn es klischeehaft klingt, der Computer spielt dann eine immer größere Rolle in der Freizeitgestaltung. Die Kinder werden schneller selbstständig.

Ist unsere Gesellschaft kinderfeindlich?

Sie war es, sonst hätten wir Ende der 1960er-Jahre nicht mit dieser Art von Theater angefangen. Für uns als gute Sozialisten waren die Kinder am Anfang eine Art unterdrückte Klasse, und das hatte seine Berechtigung. Es war wirklich so. Unser vorrangiges Ziel war es, das Selbstwertgefühl der Kinder zu steigern und ihnen zu erklären, dass sie natürlich auch Fragen stellen, Ansprüche anmelden, Kritik äußern dürfen. Dass wir Erwachsene auf der Bühne zeigten, die sich irrten und Fehler machten, war eine echte Neuigkeit und tatsächlich eine Sensation. Später wurde das mit „Sesamstraße“ und ähnlichen Programmen zur Normalität, aber damals waren das kolossale Schritte. Das hat sich alles zum Glück stark geändert. Ich würde nicht mehr sagen, dass unser Hauptproblem eine kinderfeindliche Gesellschaft ist oder dass Kinder unterdrückt werden. Vor gut vierzig Jahren war die Benachteiligung und Drangsalierung weitaus größer, als man sich das heutzutage vorstellen kann. Deswegen wundern sich jetzt auch viele Leute über die Inhalte unserer berühmten ersten antiautoritären Stücke, aber die waren einfach notwendig.

Sie hatten eine glückliche, behütete, westdeutsche Kindheit und ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Möchten sie noch einmal Kind sein?

Nein, wirklich nicht, denn der Druck ist gegenwärtig ungeheuer. Die Kinder haben bereits in der Grundschule Angst, keinen Arbeitsplatz zu bekommen, was ich direkt durch meinen Sohn mitgekriegt habe, als er in dem entsprechenden Alter war. Das ist Wahnsinn. Als ich 1957 mit Ach und Krach, faul, wie ich war, Abitur machte, da wusste ich, dass ich danach trotzdem studieren konnte, was ich wollte. Inzwischen muss man einen Notendurchschnitt von 1,3 oder so haben, sonst tut sich gar nichts. Was für grauenvolle Aussichten! Da war es zu meiner Zeit wirklich paradiesisch.

In Ihren Stücken, in Ihrer Theaterarbeit allgemein, haben Sie sich immer als Kämpfernatur erwiesen, die sich weder von feindseligen Politikern und Subventionskürzungen noch von schlechten Kritiken beeindrucken lässt. „Ändere die Welt, sie braucht es“, könnte die Devise aller Aktivitäten des Grips Theaters sein. Sind sie so etwas wie der Brecht für Kinder, weil Sie ihnen die Gesellschaft konsequent als veränderbar zeigen?

Das ist schon eine Grundhaltung, die wir vermitteln wollen, und dass es sich lohnt, etwas gegen die Missstände in unserer Welt zu unternehmen. Das Grips Theater ist eine Art Überlebenstheater, in dem man sehen kann, dass man nicht aufgeben darf, dass es sich lohnt, weiterzumachen – und dass die Verhältnisse grundsätzlich änderbar sind.

Wo nehmen sie denn Ihre Zuversicht her, dass die Welt verbessert werden kann? Ist das ein Optimismus, der speziell im Grips Theater, dieser kleinen Insel der Seligen, wächst?

Man kann sehr viel Zuversicht verbreiten, auch wenn man selbst nicht immer ganz so zuversichtlich ist ... Natürlich schöpft man, wenn man Theater macht, aus vielen Einzelfällen Kraft – wie ein Pfarrer, der freut sich auch, wenn er nur einen einzigen Menschen erreicht und vielleicht bekehrt hat. Ich habe so viele tolle Erfahrungen machen dürfen! Oft kommen Leute und wollen mir einfach nur sagen, wie sehr sie eine bestimmte Szene oder ein Lied oder sonst etwas in einem unserer Stücke bewegt, gefesselt, verfolgt hat, manchmal auch, wie sehr ihnen da etwas geholfen hat. Es sind einprägsame emotionale Eindrücke, die sie aus unserem Theater mitnehmen – und davon später zu hören, bringt mir schon sehr viel. Oder wenn ich mir zwischendurch eine Vorstellung ansehe und das gebannte Publikum betrachte, ist das für mich extrem aufbauend. Wenn es so etwas wie ein nicht entfremdetes Leben gibt, dann ist das meines.

Ihren halbwegs an Karl Marx erinnernden Bart hatten Sie schon immer?

Ich hatte so ein bisschen Bart nach dem Abitur, der kam dann aber wieder weg. Während meiner ersten Ehe von 1966 bis 1970 hatte ich wohl keinen Bart, doch nach der Scheidung habe ich ihn mir wieder wachsen lassen, und dabei ist es bis heute geblieben.

Sie sind in dritter Ehe mit einer beträchtlich jüngeren Frau verheiratet und ein klassischer „später Vater“.

Na ja, die zweite Partnerschaft, die mit 17 Jahren sehr lange dauerte, war nicht mit einer Ehe verbunden, das war da nicht in Mode. Jetzt bin ich wieder verheiratet. Meine Frau Eva ist von Beruf Journalistin und Juristin und 22 Jahre jünger als ich. Sie war 35 Jahre alt, als wir uns fanden. Nachdem ich wusste, dass sie mich auch dann heiraten würde, wenn wir kein Kind kriegen, habe ich Ja gesagt – zum Kind. Ich wollte nämlich zuerst keinen weiteren Nachwuchs. Denn ich habe schon einen Sohn aus erster Ehe. Die ging schief, worauf ich fünf Jahre lang alleinerziehender Vater war. Mein Sohn ist allerdings eines schönen Tages nach Kreuzberg zu den Anarchos abgehauen. Fünf Wochen lang hat er sich nicht bei mir gemeldet! Aber ich hatte seinen Personalausweis, also wusste ich, dass er Westberlin nicht verlassen würde können, suchte – und fand ihn. Seitdem haben wir ein wunderbares Verhältnis. Doch nach diesen Erfahrungen wollte ich mit einem weiteren Kind nicht noch einmal ganz von vorne anfangen müssen. Aber es war eine geniale Idee, sich trotzdem darauf einzulassen, das Tollste, was mir passieren konnte. Unser Sohn Caspar Mohan ist jetzt 13 Jahre alt. Bei ihm habe ich freilich versucht, die alten Fehler nicht zu wiederholen. Man kriegt die Kinder ja meist in der ungünstigsten Zeit – wenn man an seiner Karriere arbeitet. Heute fühle ich mich durch meinen Sohn nicht gestört wie damals, sondern freue mich immer, wenn ich ihn sehe, und bin glücklich über jede Minute, die ich mit ihm verbringen kann. Ich bin ihm Vater und Großvater zugleich.

Denken Sie manchmal ans Sterben?

Nun, man denkt natürlich mit dem Alter immer öfter ans Sterben, das ist klar. Das Hauptproblem bei einem späten Vater ist in diesem Zusammenhang, dass viele sagen: „Der arme Junge, wenn er Abitur macht, ist der achtzig!“ Den Kindern selbst macht das Alter aber offenbar nichts aus. Schon als kleines Kind lachte sich mein Sohn immer scheckig, wenn ich mit ihm unterwegs war und einer fragte, „das ist wohl dein Opa“ – weil der andere so doof war, mich für seinen Großvater zu halten. Der Junge ist stolz auf mich und findet unsere Beziehung absolut in Ordnung. Irgendjemand hat einmal zu mir gemeint: „Dein Sohn hat’s gut, denn wenn du gestorben bist, hat er eine Legende zum Vater.“ Die wichtigsten Jahre habe ich nun mit ihm verlebt – jetzt kann er auch sehr gut auf seinen eigenen Beinen stehen.

Der auch von Ihnen geschätzte französische Autor Michel Houellebecq schreibt in seinem Roman „Elementarteilchen“: „Man kann die Ereignisse jahrelang mit Humor hinnehmen, aber letztlich bricht das Leben einem doch immer das Herz.“ Würden Sie das auch so sehen?

Nein, ich bin nicht so pessimistisch und schon gar nicht so pathetisch. Das Herz-Brechen ist zu stark für mich. Da halte ich es mehr mit Luther und seinem Apfelbäumchen. Wir sollten, auch als Theatermacher, nicht an der Welt verzweifeln, sondern direkt etwas tun – gegenüber dem Nächsten, wenn man so will.

Sie denken weniger an die Menschheit als vielmehr an den Menschen?

Ja, genau so ist es.

Gibt es also doch ein richtiges Leben im falschen?

Selbstverständlich.