Volker Ludwig
70!
Pressestimmen zum Geburtstag
Rheinischer Merkur, Nr. 24/2007, 14.06.2007

Sanfter Titan
Volker Ludwig
Der Leiter des Berliner Grips-Theaters bleibt auch mit siebzig noch rebellisch
Von Andreas Öhler
Im großen Saal des Grips-Theaters sehen Grundschüler jubelnd Mathilda zu, wie sie sich erfolgreich des Mobbings in der Klasse erwehrt, im Betriebsbüro darüber herrscht hektisches Treiben. Die Geburtstagsvorbereitungen für den Kopf der frechsten deutschen Kinderbühne sind in vollem Gange. 350 Freunde des Hauses haben sich angesagt, es muss in die nahe gelegene Akademie der Künste ausgewichen werden, wo die Schauspieler die witzigsten Teile aus dem Lebenswerk ihres Chefs Revue passieren lassen wollen. Der schon ewig altersgraue Alt-68er wird nun 70. Wären all die Gegner, die er sich im Laufe seines politischen Wirkens redlich erarbeitet hat, bei der Feier auch da, würde wohl das Olympiastadion nicht ausreichen.
Dass der bellizistische Spruch „Viel Feind, viel Ehr“ ausgerechnet auf einen Radikalpazifisten wie Ludwig so gut passt, ist bezeichnend. Für seine Idee von einem anderen Kindertheater hat er stets seinen Löwenkopf samt Dirigentenmähne hingehalten - nie brüllend, meist brummend. Der sanfte Radikale bestaunt die Anfänge des Grips immer noch als gesellschaftlichen Coup: „Als wir begannen, gab es auf deutschen Kinderbühnen nur langweilige Weihnachtsmärchen; wir opponierten gegen ein Theater, das die Probleme der Kinder nicht ernst nahm und die Kinder aus der Realität entführen wollte. Vor uns war also die Zeit der ideologischen Theater - und nicht mit uns kam sie!“ Den Vorwurf, ganze Kindergenerationen ideologisch indoktriniert zu haben, hat sich Ludwig oft anhören müssen. Das konservative Bürgertum sah rot, als 1969 ein Ruck durch die Kindertheater ging, den das Grips mit seinen spielfreudigen Stücken auslöste. Lehrer und Erzieher schwärmten, dass ihre Schüler auf einmal offen von ihren Problemen zu Hause erzählten, weil sie erkannten, dass sie nicht allein waren mit ihren Nöten. Dass Volker Ludwig noch heute der meistgespielte deutsche Autor im Ausland ist, machte am Ende doch Eindruck auf die Berliner Kultursenatoren jeglicher Couleur. Nach der Zeit der politischen Grabenkämpfe subventionierten sie ohne Murren den erfolgreichen Berliner Exportartikel. Dass die Schulklassen heute nicht mehr so regelmäßig das Grips-Theater besuchen wie in den Zeiten vor der Pisa-Panik, hat mit den veränderten Lehrplänen zu tun. Dennoch braucht das Grips keine Angst vor einer Abwicklung zu haben.
Das Theater macht immer noch Schule und findet Epigonen in Brasilien, Indien und Südkorea, in dreißig Ländern gilt Ludwig so viel wie Brecht. Was ihn verstört, sind neue Angriffe aus einer Ecke, in der man für gewöhnlich keinen Feind vermutet. „Aus reinem Jux und Tollerei stilisieren sich junge Autoren als kinderladengeschädigte Grips-Opfer, die noch gar nicht geboren waren, als die Stücke aufgeführt wurden. Die wissen nicht, dass es vor 35, 40 Jahren wirklich eine Unterdrückung von Kindern gab.“ So knurrt der Meister. Dabei gibt es das Grips von einst, dem die Vorurteile gelten, längst nicht mehr. Die Stücke arbeiten heute nicht mehr mit Mitteln des Agitprop. Und wenn, dann nur ironisch gebrochen, wie im berühmtesten Ludwig-Machwerk: „Linie 1“.
Bereits als junger Student schrieb Volker Ludwig erfolgreich Chansons, Sketche und Satiren für den Rundfunk und die politischen Kabaretts der Republik. Die Stachelschweine, Lach- und Schießgesellschaft, Kom(m)ödchen, „Scheibenwischer“- alle wurden sie von ihm beliefert. Dass Volker Ludwig nicht unter seinem bürgerlichen Namen Eckart Hachfeld publizierte, hat einen schlichten Grund: Sein Vater heißt genauso und hatte sich als Autor in derselben Branche einen großen Namen gemacht. Er galt als der Entdecker Wolfgang Neuss', des legendären Mannes mit der Pauke.
Der alte Hachfeld soll zu seinem Sohn gesagt haben: „Du kannst alles werden, was du willst, nur nicht das, was ich bin. Sonst hätte ich dir ja nicht meinen Namen gegeben.“ Dennoch ließ sich der Vater über die Schulter blicken, gab dem kleinen Eckart einige Texte zur Fingerübung ab, protegierte aber seinen Sohn nie. Der erfolgreiche Junior bekam von einer Rundfunkmitarbeiterin zu hören: „Sie werden sowieso mit Ihrem Vater verwechselt. Nehmen Sie als Pseudonym zwei Vornamen, das ist das Uneitelste.“ Volker, so hieß sein Vetter, Ludwig war ein Anklang auf die Geburtsstadt Ludwigshafen.
Das Gripstheater - böse Zungen behaupten, es sei angesiedelt zwischen pädagogischem Zeigefinger und anarchistischem Stinkefinger - wollte nie belehrend sein und hat doch alle etwas gelehrt: Erfahrene Mimen lernten dort vor einem äußerst kritischen Publikum, ein Kind nicht kindisch darzustellen, Kinder, die aus sozialen Gründen nie den Weg ins Theater gefunden hätten, erlebten es als einen Ort der Befreiung und Selbstfindung.
Wiewohl Volker Ludwig schon an einer Nachfolgelösung arbeitet, denkt er nicht ans Aufhören. Zwei, drei Stücke will er noch schreiben, seine hundert besten Lieder sähe er gern in einem Buch veröffentlicht. Auf die ihm zurzeit meistgestellte Frage, wie man denn noch als Siebzigjähriger Kindertheater machen kann, antwortet er lapidar: „Es gibt auch zwanzigjährige Greise. Die besten Kinderromane hat eine Achtzigjährige geschrieben: Astrid Lindgren.“




