Volker Ludwig
70!
Pressestimmen zum Geburtstag
Berliner Zeitung, 13.06.2007

Volker hört die Signale
Dem Gripstheater-Gründer Volker Ludwig zum 70. Geburtstag
Von Axel Prahl
Als ich 1986 am Schleswig-Holsteinischen Landestheater noch die kurze, dicke Fichte im Weihnachtsmärchen spielte, schenkte mir ein Kollege zum Geburtstag ein kleines blaues, unscheinbares Büchlein. Alles klar, dachte ich, ein Verlegenheitsgeschenk, das er noch irgendwo gefunden hatte. Weil ich nicht gleich in Jubelgeschrei ausbrach, sagte mein charmanter Kollege: „Du willst doch Schauspieler werden. Dieses Buch ist eine Rarität, vom Grips-Theater in Berlin.“ - „Ach, du magst Kinder- und Jugendtheater?“, gab ich etwas säuerlich zurück, nachdem ich kurz in dem Büchlein geblättert hatte, „deswegen spielst du immer so infantil!“ - Mein Kollege schnaufte missbilligend: „Wenn'se dich da mal nehmen sollten, kannst du von Glück sagen, mein Lieber. Dann hast du's geschafft!“ Ich ahnte natürlich nicht, wie recht er damit haben sollte.
Wir werden immer größer
Kurze Zeit später kamen meine beiden Töchter aus erster Ehe in den Kindergarten und sangen dort allmorgendlich „Wir werden immer größer“ - ein Lied von Volker Ludwig. Überhaupt wurden dort die Grips-Lieder rauf- und runtergehört. Und natürlich auch gesungen. Als es dann aber auch noch im Theater hieß, kommende Spielzeit soll ein „Linie 1“ aus der Feder von Volker Ludwig inszeniert werden, fühlte ich mich schon langsam verfolgt. Nach der Premiere in Schleswig-Holstein - die übrigens vier Tage vor der angeblichen westdeutschen Uraufführung in Stuttgart stattfand - bin ich Volker Ludwig das erste Mal begegnet. Das war 1988. Es mussten noch ein paar Jahre und ein Engagement am Renaissance-Theater in Berlin ins Land gehen, bis wir uns etwas genauer kennenlernten. Als man mich für mein erstes Stück am Grips engagierte - es hieß „Kloß im Hals“ und ging um Essstörungen - war der Theaterdirektor allerdings gerade nicht da. Sondern in Amerika. Oder Indien?
Nach der Premiere hat er mich gefragt, ob ich festes Mitglied im Ensemble werden möchte. Damit begann die wunderbarste Zeit, die ich bisher an einem Theater erlebt habe, mit Stücken, die den Menschen etwas zu sagen haben ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit Herzenswärme und Humor!
Volker hat sie immer als erster gehört, die Signale, die Zeichen der Zeit. Als sich die Studenten in den Sechzigern mit den Ordnungshütern rumprügelten, brachte er mit seinen Stücken Aufruhr in die deutschen Kinderzimmer. Da steckte die antiautoritäre Erziehung noch in den Kinderschuhen. „Mattscheiben Milli“ zeigte schon sehr früh, wo das mit der Glotze einmal enden würde, und auch „Das Fest bei Papadakis“ machte klar, dass die Verteilung auf der Welt alles andere als gerecht ist, lange bevor es so etwas wie „Fair Trade“-Kaffee zu kaufen gab.
Das letzte ebenfalls höchst aktuelle Stück, bei dem ich das große Vergnügen hatte, mitwirken zu dürfen war „Café Mitte“. Dort entdeckte mich Andreas Dresen und engagierte mich für eine kleine Rolle bei seinem Film „Nachtgestalten“. Damit nahm meine Film- und Fernsehkarriere ihren Lauf. Wie bei so vielen Darstellern, die im Grips-Theater entdeckt wurden, weil Ludwig ihnen so wunderbare Rollen auf den Leib geschrieben hat: Heinz Hönig zum Beispiel und Dieter Landuris, Petra Zieser und Ilona Schulz, Rüdiger Wandel und viele andere Schauspielerinnen und Schauspieler, die aus der heutigen Film- und Fernsehlandschaft kaum wegzudenken sind. Für Ludwig war das allerdings meist auch Anlass zum Gram, wenn wir wegen des schnöden Mammons dem Theater den Rücken kehrten.
Alles Gute!
Lieber Volker Ludwig! Ich danke dir, für alles, was du für mich getan hast. Für die wunderbaren Reisen, die ich erlebt habe. Estland, Lettland, Litauen und Polen durfte ich gemeinsam mit dir und dem Grips-Theater kennenlernen. Die Türkei haben wir zusammen besucht, und wir teilten uns ein Abteil in der Transsibirischen Eisenbahn. Das sind unauslöschliche Erlebnisse, von denen ich bisweilen heute noch zehre. Alles Gute!
Vater Grips
Volker Ludwig wurde 1937 als Eckart Hachfeld in Ludwigshafen/Rhein geboren und wuchs in Thüringen auf. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Berlin und München und schrieb nebenbei Satiren, Chansons und Sketsche für Funk und Kabaretts.
1965 gründete Ludwig das „Reichskabarett Berlin“, rief darin ein Theater für Kinder ins Leben, das 1972 den Namen Grips erhielt. Da wurden viele Jahre lang ausschließlich Eigenproduktionen im politisch-aufklärerischen Stil gezeigt.
Über die Hälfte der mehr als 70 Stücke, die hier bis heute zur Uraufführung kamen, schrieb Ludwig. Sie wurden in mehr als 41 Sprachen übersetzt. Sein größter Erfolg: „Linie 1“.




