Geschichte 



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40! 

Pressestimmen zum Geburtstag 

 
 

Theater der Zeit, Dezember 2009

© Theater der Zeit
 

Das hältste ja im Kopf nicht aus

Das Berliner Grips Theater feiert sein 40-jähriges Jubiläum

Von Martin Linzer

 

Die ersten Kindertheater-Inszenierungen gab es bereits 1966 im (West-)Berliner Reichskabarett. Das Kabarett war damals das Kerngeschäft von Volker Ludwig & Co., die eigentliche Geschichte des Grips Theaters begann mit „Stokkerlok und Millipilli“, dem ersten originären Grips-Stück, auch wenn die Namensgebung erst 1972 stattfand, der Umzug in das ehemalige Bellevue-Kino am Hansaplatz erfolgte 1974. Da spielt man bis heute. Intelligentes Theater mit viel Spaß für Jung und Alt.

Nach dem sensationellen Erfolg der „Linie 1“ von Volker Ludwig, uraufgeführt 1986 - inzwischen haben eine halbe Million Zuschauer (zum Teil mehrfach) die Inszenierung in etwa 1500 Vorstellungen gesehen (dazu kommen die Gastspiele und Nachinszenierungen in aller Welt) - ist Grips-Chef Volker Ludwig oft gefragt worden, wann es eine Fortsetzung geben werde. Aber er wollte nicht à la „Rambo 1 bis 4“ sich von Linie 2 bis zur Linie 9 vorarbeiten. Wenn es nun doch eine „Linie 2 - der Alptraum“ (von Volker Ludwig und Rüdiger Wandel) gibt, uraufgeführt zum 40. Jahrestag der Gründung von Grips, so sollte man wissen: „Linie 2 ist eigentlich ein Stück darüber, dass es niemals eine Linie 2 geben wird.“ Sagt Co-Autor und Regisseur Rüdiger Wandel. Und tatsächlich ist „Linie 2“ allenfalls eine Paraphrase auf „Linie 1“, ein Kommentar vielleicht, ein bisschen ein Rückblick auf Grips-Geschichte, natürlich ein Befreiungsschlag gegen die Fortsetzungswütigen, auf alle Fälle ein wunderbares Geburtstagsgeschenk des Grips Theaters für sich selbst und seine Zuschauer - eine Fortsetzung ist es nicht.

Als einen Alptraum erlebt der Schauspieler Thomas Kowalewski bzw. der „Junge im Mantel“ aus der „Linie 1“ die Linie 2, eine U-Bahn-Linie, die auf merkwürdigen Bahnhöfen hält (z. B. am „Arbeitsamt“). Der hat es total satt, immer nur den Jungen zu spielen, der das Mädchen, das er im Finale küsst, noch nie nach Hause begleiten durfte, fünf Mal im Monat, 50 Mal im Jahr und kein Ende abzusehen (auch wenn die Hoffnung/die Gefahr bleibt, ein großer Veranstaltungskonzern könnte die „Linie 1“ aufkaufen). Theater und Wirklichkeit dauernd verwechselnd, sucht er das „wirkliche“ Leben, und auf seiner wundersamen Theaterreise begegnet er Wiedergängern aus 40 Jahren Grips Theater, Figuren und vor allem auch Musiknummern von damals (aus „Das hältste ja im Kopf nicht aus“, „Café Mitte“, „Baden gehn“, „Melodys Ring“, „Eine linke Geschichte“, „Die schönste Zeit im Leben“, „Rosa“ und natürlich „Linie 1“), und das sind die großen, profilprägenden Erfolge der Grips-Geschichte. Es treffen sich die alten 68er mit den Jungen aus dem heutigen Kreuzberger Ethnomix, es treffen sich Ossis und Wessis und wollen „unsre gute alte Mauer wiederham“, und die alten Rocker sind zwar auch leicht ergraut, aber hauen immer noch tüchtig in die Tasten.

Die vielen Erfolge des Grips Theaters aus 40 Jahren, ihre Gastspiele (in den Achtzigern auch in der DDR), ihre Auszeichnungen und Preise hier aufzulisten, hieße Eulen an den Hansaplatz tragen. Die Erfolgsgeschichte ist ohne Beispiel und ohne Vorbild und doch einfach zu erklären: Das offene Geheimnis heißt Kontinuität. Das Grips ist seiner „linken Geschichte“ treu geblieben, hat politisch dem Zeitgeist widerstanden (in den Siebzigern vor allem der Hetze von CDU und Springer-Presse) und ästhetisch allen Moden, die vergänglich sind. Nicht erst seit der „Linie 1“ folgt es linientreu seinem Gründungsmythos und bewährten Rezepturen, die aus dem politischen Kabarett kommen: in der Realität recherchieren, in den Geschichten die Konflikte zuspitzen und mit den Songs das Tüpfelchen aufs i setzen. Das klappt bis heute.

Und so kriegen auch zum Schluss von „Linie 2“ noch einmal alle Lieblingsfeinde ihr Fett weg: „CIA, Opus Dei, BDI, BDA, FDP, Deutsche Bank und wie sie alle heißen“ und der Chef der Partei der Besserverdienenden noch eins drauf, wenn sich im „lyrischen“ Schlussbild, Kleist kritisch adaptierend, „In Staub mit Guido Westerwelle“ auf „rote Zelle“ reimt. Die Fans jubeln, aber political correctness hat noch nie zu den Stärken dieses so wunderbar lebendigen Theaters gehört. Und so möge es bleiben!